Der moderne Mensch

Wie genetische Studien beweisen, lassen sich alle Menschen auf der Welt auf gemeinsame Urahnen zurückführen. Mittels von DNA-Analysen ermittelte man die Mitochondriale Eva, die gemeinsame Vorfahrin aller heute lebenden Frauen. Die Zurückverfolgung der direkten mütterlichen Linie ergab, dass diese vor 175.000 Jahren +- 50.000 Jahre in Afrika lebte. Zu dieser Zeit siedelten kleine Stämme dicht beisammen und waren untereinander verwandt. In Afrika legten sie weite Strecken zurück, durchquerten Wüsten und Savannen und setzten sich gegen die feindliche Umwelt durch. Sie blieben meist zusammen und gingen nur selten auseinander. Wenn sie sich trennten, fanden sie auch nie mehr zueinander und entwickelten sich auch genetisch getrennt. Eine neue Linie entstand, die wir heute wissenschaftlich ermitteln können.

Frühe Stämme werden in der Genetik durch Haplogruppen bestimmt. Jeder Haplogruppe ist eine Untergruppe zugeordnet, die durch Wanderungen zustande kam. Neben der typischen afrikanischen mitochondrialen Haplogruppe L finden wir auch L0, L1, L2 usw. Weiter kann daraus zum Beispiel auch L2a2 und L2a4 entstehen, die immer noch eine gewisse Verwandtschaft untereinander hätten. Abgrenzungen sind jedoch auch unter Wissenschaftlern nicht immer einfach und können sich auch ändern. Was sich mit Sicherheit feststellen lässt, ist nur die Hauptgruppe.

Die Trennung zwischen der letzten afrikanischen Linie zur ersten nichtafrikanischen Linie erfolgte vor 52.000 Jahren +- 28.000 Jahre. Im Unterschied zur gemeinsamen Vorfahrin aller Frauen, konnte der Adam des männlichen Y-Chromosoms einem Zeitrahmen von vor 60.000 Jahren bis 90.000 Jahren in Afrika zugeordnet werden. Der Träger der männlichen Urgene lebte also noch kurz vor der großen Auswanderungswelle in Afrika und daher ist auch das europäische Y-Chromosom näher mit dem afrikanischen verwandt als dies bei den Frauen der Fall ist.

Erste Träger dieser Genetik erreichten den Nahen Osten. Sie sind uns heute als der moderne Mensch bekannt, genannt homo sapiens sapiens. Wahrscheinlich in einem Zeitraum von vor 40.000 bis 30.000 Jahren gelangten sie in das eiszeitliche Europa. Hier gab es im Wechsel Kalt- und Warmzeiten, die Durchschnittstemperatur lag jedoch geringer als heute und große Gletscher bedeckten den Norden. Der mächtigste Gletscher Mitteleuropas war der Rhonegletscher. Er füllte das gesamte Rhonetal mit bis zu 2000 Metern Dicke und verschmolz mit den Gletschern aus den Berner und Walliser Alpen zu einer Eismasse. Hier war kein Leben möglich. Den Rhonegletscher gibt es noch heute, er zieht sich aber langsam zurück, bis er etwa 2100 ganz verschwunden sein wird.

Die Zunge des Rhonegletschers im Juli 2008

So wurde zuallererst der Süden Europas besiedelt, wo die klimatischen Bedingungen angenehm waren. Dort traf der moderne Mensch auf den Neandertaler. Dieser bewohnte Europa schon lange zuvor und die ältesten gemachten Funde stammen aus Kroatien und sind 130.000 Jahre alt. Zudem kam er in Vorderasien, im Nahen Osten und in Nordafrika vor. Es ist anzunehmen, dass auch er seinen Ursprung in Afrika hat, aber schon viel früher auswanderte und sogar nicht mit dem modernen Menschen verwandt ist. Die Abspaltung könnte schon vom vor 500.000 Jahren lebenden homo erectus erfolgt sein. Auch er hatte einen stabilen Körperbau und starke Überaugenwülste. Der Neandertaler und homo sapiens lebten einige tausend Jahre nebeneinander her, vielleicht noch bis vor 24.000 Jahren.

Wie sie miteinander auskamen, ist nicht überliefert. Zusammentreffen können friedlich verlaufen sein, auch die Vermischung ist denkbar. Wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte das bis heute nicht, obwohl Teile der DNA-Sequenz des Neandertalers auffallend der des modernen Menschen ähneln. Auch wenn Neandertaler und homo sapiens noch so unterschiedlich waren und im Aussehen differenzierten, waren beides Naturvölker und der Kontakt unvermeidbar. Selbstredend wird es auch Kriege unter ihnen gegeben haben, wenn es um die Siedlungs- und Jagdgebiete ging. Warum der Neandertaler ausstarb, weiß niemand. Vielleicht finden wir diese Art heute in Europa nicht mehr, weil sie vollständig assimiliert wurde. Die Siedlungswelle des modernen Menschen war zu groß und die Bevölkerung des Neandertalers zu gering, um ein Überleben zu sichern. Genetische Anteile können im modernen Menschen aufgegangen sein und sind heute kaum noch nachweisbar. Obwohl Ähnlichkeiten vorliegen, sind Wissenschaftler unsicher über die Ursache einer genetischen Verwandtschaft mit dem Neandertaler. Nur mehr Forschung wird auch Klarheit bringen.

Während der Zunahme von Kälteperioden wanderten Menschen natürlich auch wieder südlicher, zum Beispiel auf die Iberische Halbinsel und den Balkan. Sie überdauerten dort schlechte Zeiten und zogen nach vielen Generationen wieder nach Resteuropa zurück. Es ist sicherlich denkbar, dass Menschen von Europa auch wieder nach Nordafrika und in die Sahara zurückwanderten, oder vom Balkan in den Nahen Osten. Hier herrschten während der Eiszeit durchwegs gute klimatische Verhältnisse, und sowohl konnte Vieh erlegt als auch Beeren und Früchte gesammelt werden.

Ausgehend vom Nahen Osten zog der moderne Mensch nicht nur nach Europa, sondern besiedelte auch Asien bis hin nach Australien. Während der Kaltzeiten stellte die indonesische Inselwelt eine Landbrücke zwischen dem asiatischen und dem australischen Festland dar. So sind die Aborigines ebenfalls direkte Nachfahren der afrikanischen Auswanderer und Mitglied in der Familie des homo sapiens.

Wahrscheinlich erfolgte die Aussiedlungswelle nicht auf einmal, sondern in mehreren Etappen. In Kaltzeiten war es möglich, selbst in der Sahara heimisch zu werden. Es gab Flüsse, Seen und weites Grünland. Menschen konnten hier wohnen und sich von Vieh und Wildpflanzen ernähren. Die Warmzeiten brachten Verwüstung und Austrocknung, Sanddünen breiteten sich aus und die Menschen mussten weiterziehen.

Sowohl Europäer als auch Afrikaner sind homo sapiens

Während in Afrika die Tendenz auch eher dazu ging, zusammenzubleiben und weite Wanderungen zurückzulegen, drifteten die Linien außerhalb Afrikas immer wieder auseinander. Gruppen wurden zu groß und trennten sich. So entstanden Marker, die eine genaue Klassifizierung der genetischen Zugehörigkeit ermöglichen. Marker sind ein Hinweis auf eine kurze genetische Zeitspanne, der jeder Mensch zugehörig ist. Man kann damit zurückverfolgen, welcher Wanderungswelle die eigenen Vorfahren angehörten.

Das Land in Europa war groß und hatte ein angenehmes Klima. Besonders mit dem Ende der Eiszeit und dem Abtauen der großen Gletscher vor 12.000 Jahren können wir feststellen, dass sich die Bevölkerung in Europa erhöht und moderne kulturelle als auch technische Entwicklungen ihren Anfang nehmen. Zur Abgrenzung wurden die jüngeren Haplogruppen G bis R geschaffen, die aus der 50.000 Jahre alten Haplogruppe F hervorgingen. Auch Untergruppen entwickelten sich zahlreich auseinander. Zwar war es unvermeidlich, dass Gruppen, die sich unabhängig entwickelten, auch wieder vermischten, doch kann man in Europa feststellen, dass die Bevölkerung durchwegs recht viele genetische Gemeinsamkeiten hat im Vergleich mit anderen Kontinenten.

Und bis heute ist die genaue Abstammung bei jedem Menschen differenzierbar. Wissenschaftler ermitteln bei Frauen die mitochondriale DNA, weil ihnen das Y-Chromosom fehlt. Bei Männern, für die das Y-Chromosom typisch ist, kann zudem die mitochondriale DNA untersucht werden, weil genetisch beides vorhanden ist. So lassen sich in der jeweiligen Linie die Haplogruppe, die Untergruppe und der Marker herausfinden. Genaue Erkenntnisse über die Vergangenheit eines jeden Menschen werden so möglich. Neue Verfahren gehen noch weiter. Es lässt sich zudem die moderne Abstammung feststellen, ob man nun keltisch, germanisch oder slawisch ist. Selbst die Wandalen oder Wikinger konnten als germanischer Teilstamm identifiziert und mit modernen heute lebenden Personen verglichen werden. Zukünftige Untersuchungen werden noch mehr Fortschritte mit sich bringen und Resultate zur prozentualen Herkunft einer Testperson liefern. So kann man sagen, wie viel mediterrane, iberische, nordeuropäische, osteuropäische, kaukasische oder gar nahöstliche, ostasiatische und afrikanische Anteile man in sich trägt. Denn eines ist auch ohne Untersuchung klar: Die gesamte Menschheit ist das Ergebnis vieler Wanderungen, die es im Laufe der Jahrtausende immer wieder gab und jeden von uns unverwechselbar machten.


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